Ich weiß tl;... - sei's drum. Dass eine Qualitätskontrolle fehle, hört die Open-Source-Community von Anfang an - meist vorgetragen von Firmen, die ihr Geschäftsmodell 'Lizenzgeschäft' bedroht sehen. Alle seriösen Untersuchungen zeigen aber, dass das Open-Source-Entwicklungsmodell die bessere Code-Qualität bietet. Was ist nicht alles gegen die Verlässlichkeit von Wikipedia und die fehlende Qualitätskontrolle vorgebracht worden? Und womit sind die LLMs trainiert worden? Worauf verweist ChatGpt heute an vorderster Stelle? Wie ergibt sich nun die Arbeitsqualität bei nicht institutionalisierter Qualitätskontrolle? Erstens sind freiwillige Entwickler intrinsisch motiviert, ihren Code schnell zu verbessern; es ist ihr Baby. Und zweitens gehört es zum Spirit der Communitys, das, was auffällt, schnell mal eben - sozusagen nebenbei - zu melden, weil sie wissen, dass die FOSS-Projekte ihre Vorschläge schnell aufnehmen. Sie reagieren schneller als Firmen. Und fixen in kürzeren Abständen. Wer eine 'institutionalisierte Qualitätskontrolle' fordert, meint oft, es müsse irgendwie inthronisierte 'Alleskönner und Allesseher mit Schulterklappen' geben, die zum Schluss die Fehlerlosigkeit garantieren. Ärgerlicherweise ist das Komplementäruniversum unendlich. Will sagen: Mit (meist sehr) begrenzten Ressourcen die unendlich große Menge der Abweichungen zu testen, ist unmöglich. Deshalb muss jede Qualitätskontrolle - auch in großen Firmen - clustern und abstrahieren. Und damit wird Garantie der Fehlerlosigkeit zur Chimäre. Untersuchungen haben gezeigt, dass viele Augen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln mit weniger Aufwand mehr sehen als institutionalisierte Betrachter. Der auf Firmentraditionen gründende Bias wird gemieden. Deshalb performt das community-basierte Entwicklungsmodell der Open-Source-Szene besser. Und warum sollte dieses Verfahren eines 'By-the-Way'-Checks mit fortlaufender Verbesserung à la Kaizen nicht auch in der OER-Szene funktionieren? Es hat ja - in sehr viel kleinerem Rahmen - auch mit uns geklappt: Sie - @hellerKopf und @skylake - schreiben 'kuck mal hier, ich hab da was', ich checke es gegen und berichtige es umgehend. Die Unterlagen sind so ein klein wenig besser geworden. Wir haben gemeinsam dazu beigetragen. Und nun zur Frage des Geldes: Ich persönlich möchte gar nicht bezahlt werden. Genauer gesagt: mich noch einmal dafür zu bezahlen lassen, wofür mich unser Staat eh schon bezahlt - nämlich eine gute Unterrichtsvorbereitung -, wäre doch wohl unanständig. Mit Public Money Public Code gibt es längst eine Bewegung, die diese Idee aufnimmt. In der Open-Source-Szene ist das Geschäftsmodell vom Lizenzgeschäft (die 'Vergütung' von Nutzungserlaubnis) zum Service gewandelt: Red Hat hat schon in den 90er Jahren begonnen, sein Geld mit dem Vertrieb vorcompilierter auf einander abgestimmter Softwarepakete zu verdienen, ergänzt durch den Service von Updates mit Fixes (sic!). Heute stellt diese Firma immer noch (nebst vielem anderen) RHEL für Firmen zur Verfügung, verbunden mit erweiterten Updatezeiten. (Und das wiederum beruht auf der Community-getriebenen Distribution Fedora.) Sie verdient ihr Geld mit Services, nicht mit Lizenzgebühren. That's the point. Ein deutsches Beispiel dafür wäre die SerNet GmbH aus Göttingen. Sie integriert Samba-Server in Firmennetze, um darin das smb-Protkoll architekturunabhäng bereitzustellen. Das Besondere ist: Sie lässt sich für die Integrationsarbeit und die Distributionszusammenstellung bezahlen, nicht für die Gewährung von Nutzungsrechten. Mehr noch: Sie gibt sogar alle Eigenentwicklungen konsequent unter der AGPL frei und unterstützt die Samba-Entwicklung in der Community. Im vollen Bewusstsein, dass damit jeder, der wollte, mit ihren Quellen dasselbe Business aufbauen könnte wie SerNet. Und im Vertrauen darauf, dass die dann erst 'mal an die SerNet-Performance rankommen müssten. Für die smb-gestützte Kommunikation in heterogenen Umgebungen ist SerNet Weltmarktführer, so Dr. Loxen mal in einem Gespräch. Wieder also die Frage: Warum sollte das Prinzip nicht auch in der OER-Szene funktionieren? Es gibt doch so viele Firmen, die Zusatzlehrgänge für die AP1 und AP2 anbieten. Was ginge ihnen und uns verloren, wenn sie das auf der Basis gemeinsam in einer Community gepflegten Unterrichtseinheiten täten? Sie grenzen sich doch auch heute nicht wirklich über die Qualität der Dokumente von ihren Mitbewerbern ab, sondern über ihre besonders kompetente und adressatenorientierte Stoffvermittlung. Sie lassen sich doch nicht für das Recht bezahlen, dass die Teilnehmer ihre Unterlagen lesen dürfen. Wie doof wäre das denn? Vielmehr lassen sie sich für den Service bezahlen, eine besonders gelungene Unterrichtsumgebung bereitzustellen. Wir sehen: hier wie da dasselbe Problem und dieselbe Lösung. Alle 'Nachhilfeinstitute' könnten immer noch alles so machen und sich abgrenzen, wenn alle dieselben von der Community entwickelten Unterrichtseinheiten benutzten - nur anders gedruckt, in anderen Umgebungen präsentiert, mit anderen Methoden nahegebracht. Und die Verlage? Was sollen die machen? Na, sie dürften OER-Unterlagen doch auch benutzen, verändern, neu aufbereiten, für jeden Zweck. Und wenn Sie daraus Bücher machen und sich für die Arbeit des Setzens und des Vertriebs bezahlen lassen, dann entspricht das auch dieser Idee: Paying for Services, not Permissions. Blieben schließlich die Autoren. Sie sind das im OER-Spiel, was die Programmierer im FOSS-Spiel sind: Sie arbeiten aus Freude. Und wie die Softwareentwickler im FOSS-Spiel, werden auch sie ihr anderes, service-orientiertes Geschäftsmodell finden. In diesem Sinne werde ich mir mein Ziel und Verfahren nicht abhandeln lassen. Es hat gute Vorbilder. Und damit bin ich dankbar auch für die kleinste Contribution. happy learning, happy coding, happy reusing. KR Sernet: https://verinice.com/campus/lernen/compliance-lizenzen Open-Source-Geschäftsmodelle (und anderes): https://www.bitkom.org/sites/main/files/2022-06/220624-Bitkom-Leitfaden-Open%20Source-3.0_0.pdf Public Money, Public Code: https://publiccode.eu/en/
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kreincke · vor 1 Stunde 1 h